ab 1582 - Die kursächsische Stiftsstadt - Stillstand und Niedergang

 
1582 Das Stift Wurzen, einschließlich des Mügelner und des Mühlberger Gebiets, erhält eine gesonderte Verwaltung - die "Churfürstlich Sächsische Stifftsregierung zu Wurtzen". Damit wird u.a. der besonderen reichsrechtlichen Stellung des Wurzener Landes Genüge getan.
1596 Bau der Stadtschule "an den Schultreppen".
1598 Heinrich von Gaudelitz, Besitzer von Nischwitz und von Waldungen bei Röcknitz ("Gaudlitzberg"), seit 1579 auch mit dem "Freigut auf dem Crostigall" belehnt, beginnt auf dessen Gelände eine Anzahl Häuser zu bauen (Vorläufer der heutigen Postgasse, "Gaudlitzhäuser"). Diese verschmelzen mit dem Gutsgelände, und es entsteht nach und nach die "Gemeinde Gaudlitz", die mit der Gemeinde Crostigall unter Amtshoheit verbunden bleibt.
1599 Pestjahr. Der Rat kauft die Siechenhäuser vor dem Wenzelstor (Gelände des späteren Johannishospitals) von der Stiftsregierung.
  Für 11 600 Gulden kauft der Rat aus dem Besitz des Hermann von Heynitz auf Podelwitz das Rittergut Müglenz. Er setzt die Müglenzer Kirche instand und stiftet aus den Einnahmen des Gutes 2 Stipendien.
1600 Bau einer Mädchenschule hinter der Mauer.
um 1600 Günstige wirtschaftliche und finanzielle Lage der Stadt. Einzelne Bürger oder der Rat erwerben zahlreiche Ländereien. Lebhafter Export des Wurzener Biers, das in 11 Brauhäusern hergestellt wird.
1602 Verheerender Stadtbrand (Gründonnerstag).
1607 Wurzens schwerstes Pestjahr. Der von Leipzig eingeschleppten Krankheit fallen von Mai bis Oktober 1.450 der 5.000 Einwohner zum Opfer. Sie werden auf dem Friedhof beim Johannis-Hospital in Massengräbern bestattet (Pesthäuschen).
1618.V.23.-1648.X.24. Dreißigjähriger Krieg.
1631.IV.5. Stadtbrand. 86 Häuser westlich des Marktes brennen ab. (Brandtafel Johannisgasse 3).
  Während der Belagerung von Leipzig durchziehen kaiserliche Truppen die Stadt und erlegen ihr Kontributionen auf.
1632 Wegen der Pest in Leipzig findet die Michaelis-Messe (September) in Wurzen statt.
  Albrecht von Wallenstein weilt in Wurzen (30.10.-8.11.).
1634/35 Wurzen wird mehrmals von kursächsischem Militär besetzt und muss neben der Verpflegung hohe Kontributionsgelder aufbringen.
1637 Die "Wurtznische Creutz- und Marterwoche"
  Von Jahresbeginn an wird die Stadt von den Schweden mit der Androhung von Plünderung erpresst. Trotz der Zahlung hoher Loskaufsummen wird die Stadt vom 4.4. an von schwedischen Abteilungen terrorisiert und geplündert, am 7.4. in Brand gesetzt. Wurzen brennt fast vollständig nieder, auch das gesamte städtische Archivmaterial verbrennt. 3500 Einwohner werden Opfer der Greuel, 1500 sind geflohen; 500 kehren zurück.
1638 Wiederaufbau des Rathauses.
1639-1641 Kaum ist mit dem Wiederaufbau begonnen worden, muss die Stadt erneut Kriegslasten tragen und Kontributionen aufbringen.
  Dazu kommen Teuerung und Hunger.
1643.II.22. Schweden unter Torstenson plündern erneut die Stadt.
1644.VI.15. Brandschatzung durch kursächsische und kaiserliche Truppen.
1646 Verheerendes Feuer vor dem Jacobstor. 46 neuerbaute Häuser und etliche Scheunen brennen nieder.
1650.III.8. Wieder Großbrand (5 Häuser).
1654 Um die im Krieg zerstörten Muldenstädte mit dem notwendigen Bauholz zu versorgen, kommt das Floßwerk auf der Mulde wieder in Gang. Der Wiederaufbau Wurzens zieht sich bis ans Ende des Jahrhunderts hin (Wenceslaikirche 1678, Turm 1689). Noch in den ersten Jahrzehnten des 18. Jh. liegen einige Grundstücke wüst.
1656.IV.18. Beim Schmied vor dem Jacobstor bricht Feuer aus, das dort 8 Häuser und 5 Scheunen vernichtet.
1661.IX.12. Die meisten Häuser auf der Bleiche brennen ab.
1662 Vor dem Jacobstor brennen 21 Häuser und 12 Scheunen nieder.
1663.IV.15. Im Wurzener Schloss kommt es zum Abschluss der "Postula-tio perpetua", nach der jeder Landesherr auch ohne weiteres der Stiftsherr wird. Das Wurzener Land wird zunehmend in die kursächsische Amtsverfassung integriert.
  Erneut Großbrand vor dem Jacobstor.
1686.VII.9. Durch Blitzschlag in ein Haus vor dem Eilenburger Tor entsteht ein Brand, der 24 Häuser vernichtet. Die Stiftsregierung hatte schon im Januar dem Rat die Anschaffung einer Feuerspritze befohlen. Jetzt setzt sie ihre Anordnung durch.
1695 Wurzen besteht aus 380 bewohnten Häusern und 112 wüsten Stellen und gehört damit zu den größten Städten des Muldegebietes.
1696 Unter dem sächsischen Kurfürsten August dem Starken wird im ehemaligen Gaudlitzschen Freigut auf dem Crostigall eine Posthalterei eingerichtet. Sie verbleibt hier bis 1806.
1700-1721 Nordischer Krieg
1704.IX.11./12. Ein Stadtbrand vernichtet 143 Häuser und 20 Scheunen (Brandtafel Schuhgasse). Auch die Mädchenschule brennt ab.
1706/07 Wurzen wird von den Schweden besetzt und muss wieder Kriegslasten tragen.
  Zunehmende Besteuerung der Bürger. Die Stiftsregierung verlangt mehrfach vom Rat, die Stadt nicht mit zusätzlichen Abgaben zu belasten, damit die Kontributionen aufgebracht werden können.
1701 wird schon daran erinnert und gedroht, dass die Abgaben und Steuern ohne Ansehung der Person durch zulängliche Zwangs-mittel eingetrieben würden.
1702 erscheint die Bürgerschaft bei einer diesbezüglichen „Konfirmation“ (erneuter Belehrung) nicht auf dem Rathaus, und die Stiftsregierung fordert den Rat zu Bestrafungen auf.
1703 Ermahnung des Rats an die Bürgerschaft, sich „verbotener, heimlicher Versammlungen zu enthalten“.
1711 Der Rat beginnt, das „Neue Haus“ zwischen Kannegießergasse und Johannisgasse zu erbauen. Zu diesem Zweck wird mit dem Abbruch der Stadtmauer zwischen Schloss und Eilenburger Tor begonnen. Das führt zu Protesten der Anlieger und zum Eingreifen der Stiftsregierung und zu Zwangsmaßnahmen gegenüber dem Rat. 1712 vollendet, dient dieses Ratsgebäude (auch „Gewandhaus“ genannt) verschiedenen Zwecken, wurde auch als Wohnhaus vermietet und beherbergte ab 1773 Dr. Kanne, den Stiftssyndikus und späteren Sekretär der Stiftsregierung, dessen Frau, Käthchen Schönkopf, 1776 noch von Goethe besucht wird.
1712.XII.30. Ein kurfürstliches Mandat legt fest, dass der Warenverkehr und Gütertransport, die bisher über die Brücken von Grimma und Eilenburg gingen, nunmehr auch über Wurzen erfolgen dürfen. Nach Trockenlegung der sumpfigen Aue hat sich hier ein günstiger Muldenübergang gebildet.
1717 In Leipzig erscheint Schöttgens „Historie der Chur-Sächsischen Stiffts-Stadt Wurtzen“. Die Bürgerstadt besteht aus 110 Häusern innerhalb und 270 Häusern außerhalb des Mauerringes.
  Nachdem bereits 1690 der Wurzener Geleitsmann einen Vorschlag zum Bau einer Brücke über die Mulde gemacht hatte, weil der Fährbetrieb allzu oft behindert und gestört ist, erklärt sich der Rat bereit, einen Teil der Baukosten zu übernehmen. Er legt sich aber nur auf ein Drittel der Kosten fest, beansprucht dagegen die Hälfte der zu erwartenden Brückengeldeinnahmen.
um 1720 Das Vorfeld der Stadt (Stadtfelder und Gärten) wird schrittweise umgestaltet.
  Die Stadt umschließt im Norden und Nordosten die von Stadt-richter Reinhardt angelegte „Lange Gasse“ (Straße des Friedens).
  Die Stiftsregierung drängt den Rat wiederholt, noch wüst liegende Grundstücke zu bebauen.
1722 Brand des Rathauses. Beim Wiederaufbau wird das Material der Stadtmauer verwendet.
1724 Die Stadt muss 3 Postdistanzsäulen vor den Außentoren errichten.
1725 Bau des Siechhauses als Erweiterung des Johannishospitals.
1732 - 1737 Es können keine Ratswahlen stattfinden, da gegen einzelne Mitglieder des Rats ein Strafverfahren im Gang ist, das Amts-enthebungen nach sich zieht. Der Rat schmilzt von 7 auf 4 Mitglieder zusammen. Aufdeckung wiederholter Korruption im Rat.
1734 Bau des wappengeschmückten Posttores auf dem Crostigall.
1743 Wurzen wird Etappenort der Kurierpost.
  Von der Stiftsregierung wird dem Rat die Abschaffung der Stroh- und Schindeldächer „anbefohlen“.
1750.V.22. Die 18-jährige Kindesmörderin Johanna Margarethe Bär wird mit dem Schwert hingerichtet.
1750.VII.12. Das Hochwasser der Mulde fordert zwei Opfer (Vater und Sohn).
1752.VIII.3. Durch gewaltige Sommerniederschläge kommt es zu einem starken Muldenhochwasser.
1756.VIII.9.-1763.II.17. Siebenjähriger Krieg
  Durch das preußische Feldkriegsdirektorium werden der Stadt neben Naturalleistungen Kontributionen in Höhe von nahezu 60 000 Talern auferlegt und „militärische Execution“ angedroht.
1758.X.5./9. Scharmützel zwischen Preußen und Österreichern in und um Wurzen.
1768 Goethe kommt auf seiner Reise von Leipzig nach Dresden und zurück durch Wurzen. Das lange Warten an der Fähre dürfte ihn später zu der Textstelle im „Urfaust“ veranlasst haben: „Bey Wurzen ist’s fatal, da muß man so lang auf die Fähre manchmal warten.“
1771 Durch die extrem lange Frostperiode kommt es zum größten Muldenhochwasser des Jahrhunderts am 3. und 25.6.
  Bedingt durch die Missernten der letzten Jahre, kommt es gegen Jahresende zu einer großen Hungersnot. Zur Bezahlung des in Holster bei Eisleben gekauften Getreides (100 Scheffel à 7 Taler) muss ein Darlehen von 800 Talern aufgenommen werden.
1779 Die Stadt hat 2600 Einwohner.
1799 Anregung des Wurzener Postmeisters zu einem Brückenbau.
  Wegen der erforderlichen teuren Reparatur der Eilenburger Brücke wird das Projekt zurückgestellt. Auch noch 1803 gehen Initiativen zum Brückenbau von der Post aus. Wiederum verhindern Reparaturen an der Eilenburger Brücke das Projekt.
um 1800 1798 umfasste die Stadt 390 Wohnhäuser mit 1889 Einwohnern. 1801 besitzt sie laut Ratsbericht 382 Wohnhäuser mit 2057 Einwohnern.
  Der Kaufmann Friedrich Barth aus Torgau betreibt in der Johannisgasse 5 eine Spinnerei, in der seit 1798 vor allem Kinder zu Niedrigstlöhnen beschäftigt sind. 1802 geht dieser Ansatz kapitalistischer Industrialisierung wieder ein.
1802.IV.26. Das Rathaus brennt nieder. Bis 1803 wird der jetzt noch vorhandene Bau errichtet (Kostenanschlag 15 735 Taler).
1806 In der Post- und Färbergasse brennen 62 Häuser ab.
  Die Poststation wird vom Crostigall in die Jacobsvorstadt verlegt (in das Weselowskische Stadtgut, später Marxens Hof).
1806.VIII.6. Das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.