Laudatio für den Ehrenbürger der Stadt Wurzen Superintendent i.R. Horst Schulze 12.07.2005
Von Wolfgang Ebert
Sehr geehrter Herr Schulze, sehr geehrte Frau Schulze,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren Stadträte,
meine sehr verehrten Damen und Herren Gäste
Es wird für Beteiligte wohl immer eine Herausforderung bleiben, zu gegebener Zeit einen Menschen aus der Mitte eines Gemeinwesens hervorzuheben, seinen Namen öffentlich und laut zu nennen und ihn mit Verweis auf sein Wirken öffentlich zu ehren.
Deshalb gilt auch mein ausdrücklicher Dank den Wurzener Stadträten und dem Oberbürgermeister, die dem Vorschlag gefolgt sind, eine alte Tradition fortzusetzen, die mit der Geburt der modernen Gemeindeverfassung und dem Entstehen des heutigen bürgerschaftlichen Selbstverständnisses verbunden ist. Beides als Ergebnis der liberalen Reformen in Sachsen nach 1832. Die ersten damals entstandenen Ortsstatute sahen bereits die Ernennung von Ehrenbürgern vor. Alsbald schmückten sich vor allem die Städte mit klangvollen Namen, deren Ruhm und Glanz auch auf das Gemeinwesen fallen sollte. Nach 1848 gingen die Ehrungen immer weniger nach Amt und formalem Dank, Verdienste für das Gemeinwohl wurden jetzt hervorgehoben, das bürgerschaftliche Engagement trat in den Vordergrund – bis es wieder zurückgedrängt wurde durch politisch instrumentalisierte Verehrungssucht. Bis auf die historischen Entgleisungen zwischen 1933 und 1945 wurden zwischen 1929 und 1998 keine Ehrenbürger in Wurzen ernannt.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
am 1. Juni dieses Jahres folgte der Stadtrat von Wurzen mehrheitlich dem Vorschlag der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde, eingebracht von Herrn Pfarrer Schiefer, den ich als Ortschronist persönlich in diesem Bemühen nachdrücklich unterstützte, dem Domdechanten und Superintendenten i.R., Herrn Horst Schulze, die Ehrenbürgerwürde der Stadt Wurzen anzutragen.
Mit Herrn Schulze wird ein Bürger der Stadt und ein kirchlicher Amtsträger geehrt, der ganz wesentlich durch seinen unermüdlichen persönlichen Einsatz bewirkt hat, dass der Dom zu Wurzen, der alte Versammlungs- und Wirkungsort des 1114 vom Meißner Bischof Herwig begründeten Kollegiatstiftes St. Marien, heute noch – oder wieder – in beeindruckender Weise im Bild der Stadt in Erscheinung tritt.
Das berührt nicht nur die heutigen Besucher der Gottesdienste in diesem Hause, sondern alle Menschen, denen die Botschaft eines solchen Gebäudes nicht fremd ist, nicht fremd geworden ist, wenn auch nur als eines wichtigen Teils in einem fast über 1000 Jahre hinweg gewachsenen städtebaulichen Ensembles. Das berührt auch diejenigen, die z.T. von weit her nach Wurzen kommen, um diese Kirche als Ort der schirmenden Stille, der belebenden Erinnerung oder auch nur als Konzertraum wahr- und anzunehmen.
Als Horst Schulze vor 25 Jahren nach Wurzen kam, kannte er bereits den Wurzener Dom von Besuchen in früheren Jahren, und er konnte sich sehr schnell ein Bild von seinem wirklichen Zustand machen. Die Zeichen des Ver-falls, ja an einigen Stellen des Zer-falls waren unübersehbar. Eigentlich müssten sich von uns noch einige erinnern an eine Einwohnerversammlung zur Innenstadtsanierung im März 1982, als der neue Superintendent des Wurzener Kirchenbezirks darüber informierte, dass die Erhaltung des Domes der Kirche nicht mehr möglich sei, dass man sie zur Ruine erklären müsse, dass man sie auch den staatlichen Instanzen als Kulturdenkmal und Kulturhaus anbieten könne.
Das waren die Alternativen, die Landeskirche und Domkapitel damals anbieten konnten, auch angesichts der noch herrschenden staatlichen Ignoranz. Das Domkapitel selbst hätte sich dann irgendwann einmal auflösen müssen.
Superintendent Horst Schulze fand sich mit der zunächst hoffnungslosen Lage nicht ab. Selbst seit 1982 Mitglied des Domkapitels, gelang es ihm, zunächst kleine, aber wichtige Reparaturen selbst vorzunehmen oder durch Helfer aus der Kirchgemeinde ausführen zu lassen. In Anbetracht des katastrophalen Zustands des Daches, der Türme oder auch von Teilen des Mauerwerks eine Sisyphusarbeit. Die Bauberichte ab Herbst 1982 geben ein beredtes Bild vom wechselvollen Kampf gegen die Naturgewalten, vom fortschreitenden Zerfall, vom oft wenig erfolgreichen Ringen mit kommunalen oder staatlichen Instanzen um Bilanzen und Kapazitäten. Auch wenn letzteres nach 1990 nicht mehr in den Vordergrund tritt, ein Kampf um den Erhalt und schließlich um die denkmalgerechte Sanierung blieb es bis zum Ende der Arbeiten im Jahre 2004.
Im Nachhinein muten die dokumentierten Einzelheiten auch oft recht abenteuerlich an, z.B. wenn davon die Rede ist, wie Helfer über Gewölbe und Dächer turnten, um Schäden nach Unwettern zu beseitigen, wie man versucht, den Tauben das Eindringen zu verwehren, wenn die Bestände des Domarchivs in andere Räume verbracht werden müssen, damit bauliche Arbeiten am Südturm durchgeführt werden können, wenn Schludereien am Bau zusätzliche Arbeiten notwendig machen, wenn Jugendliche, die im Rahmen der Aktion „Sühnezeichen“ eigentlich Gräber auf dem Friedhof pflegen sollen, im Dom eingesetzt werden. Unmengen von Schutt mussten ja bewegt werden, teilweise war dieser Jahrhunderte alt. Von einem der Türme allein wurden Tonnen von Taubenkot entfernt.
Hier soll es nicht um die Baumaßnahmen im Einzelnen gehen, die nach 1990 in ganz anderen Rahmen und umfangreicher und zügiger verfolgt werden konnten.
Horst Schulze hat von Anfang an auch den Plan vordergründig verfolgt, die alte Stiftskirche nicht nur als ein Denkmal oder ein Wahrzeichen zu erhalten, sie sollte auch als ein Raum gesichert werden, in dem sich kirchliches Leben, Gemeindeleben in seiner Weite und Vielfalt, und damit auch ein Teil städtischer Kultur entfalten kann. Mit der Sanierung der Schusterempore wird in den 80-er Jahren bereits ein Teil dieser Absicht Realität: ein Ort der Begegnung, ein Raum für Kammerkonzerte und ein Probensaal für die Kantorei konnten auf der Nordempore entstehen.
Heute erstrahlt der Dom zu Wurzen in einem Glanze, den er wohl so mindestens in den letzten drei Jahrhunderten nur selten gehabt haben dürfte. Dass damit für die Wurzener ein wichtiger Identifikationsort wieder hergestellt worden ist, bleibt vorrangig ein Verdienst des Domdechanten und Superintendenten i.R. Horst Schulze. Als Wurzener könnte ich es ganz einfach sagen: Der rechte Mann kam zur rechten Zeit zum rechten Ort – und in die richtige Position. Ihm gelang es, einen Vorgang anzuschieben, mit eigener Kraft zunächst und sich selbst körperlich nicht schonend, dann mit immer mehr versammelten Helfern, schließlich mit der Macht und natürlich auch dem Geld der kirchlichen und staatlichen Institutionen – einen Vorgang, der ein stolzes Ergebnis für die Kirche, die Gemeinde, für das städtische kulturelle Leben zeitigte.
Jedes im weitesten Sinne bürgerschaftliche Wirken im Sinne des Gemeinwohls ist es, was wir immer ehren müssen; es ist lebensnotwendig, aber bei weitem nicht immer selbstverständlich. Deshalb nennen wir vor den Bürgern dieser Stadt heute laut einen Namen und ein Verdienst.
Diese Art Wirksamkeit über seine unmittelbare Amtssphäre und seine unmittelbaren Amtsobliegenheiten hinaus hat Horst Schulze zu einer viel geachteten Persönlichkeit des städtischen Lebens werden lassen. Auch für Bürger wie mich, die außerhalb der Kirchgemeinde stehen. Auch schon vor 1989! Erst recht in den windigen Tagen der Jahre 1989 und 1990, als die Kirchen – zumindest für eine überschaubare Zeit – wieder zu Versammlungsräumen wurden für die Menschen der Stadt, die Standorte und Standpunkte suchten, die außerhalb der Kirchen zunächst nur schwer zu finden waren.
Im Januar 1990 erfuhr Horst Schulze nach seiner Rückkehr von einer Veranstaltung der nordelbischen Kirche aus der Zeitung von seiner Berufung zum Leiter der Runden Tische der Stadt sowie des Kreises Wurzen. Keiner hatte ihn zuvor dazu befragt. Schließlich moderierte er auf eigenen Wunsch nur an einem Tisch.
Ein Mann der Kirche war der Erste, auf den man sich in bewegten und auch verwegenen Zeiten einigen konnte. Man setzte offenbar seine Eignung und sein Einverständnis voraus.
Sehr geehrter Herr Schulze,
Sie sind – wie eingangs schon gesagt – nicht der Erste, und auch nicht der erste Mann der Kirche, der zum Ehrenbürger dieser Stadt wird.
Wenn ich zurückblicke auf die Liste der vorangegangenen Ehrenbürger, sind Sie der 13. in unserer heutigen Zählung, und ich kann zwei weitere Theologen entdecken und zwei weitere Domherren. Man kann, wenn man will, noch andere Auffälligkeiten erkennen:
Der 1879 zum Ehrenbürger berufene Dr. Franz Maximilian Wilisch war bis 1879 Stiftssuperintendent in Wurzen. Unter ihm endete 1878 die letzte kirchliche Institution, die das alte bischöfliche bzw. das Stiftsgebiet Wurzen noch repräsentierte, also der alte Kirchenbezirk Wurzen. Dr. Wilisch initiierte in den Jahren 1873/74 die Erneuerung der Stadtkirche St. Wenceslai.
Auch bei einem weiteren Vergleich zeigen sich Parallelen zur Gegenwart: 1929 wurde der in Wurzen geborene Apotheker und Kunstmäzen, später auch Domherr zu Wurzen, Geheimrat Hermann Ilgen Ehrenbürger seiner Vaterstadt. Auch er machte sich um den Wurzener Dom verdient. Allerdings erst nach seiner Ehrung ermöglichte er durch seine großzügige Spende die Ausstattung des Wurzener Domes mit den Broncewerken von Georg Wrba, die auch gerade in der Gegenwart viele auswärtige Besucher der Stadt in den Dom ziehen.
Allerdings möchte ich unterstreichen: Bei Ihnen liegt das Verdienst vor der Ehrung.
Und unser Dom hat schon genug Broncefiguren!
Es wird sehr schwer sein, bei allen einstigen Ehrenbürgern unserer Stadt, die Verdienste zu beschreiben, die sie in den Augen der damals Ehrenden hatten, oder diese Verdienste den heute Lebenden verständlich zu machen. Wir sind froh, Sie unter uns benennen zu können, dessen Werk sich vor unseren Augen vollzog, auf den wir stolz sein können.
Sehr geehrter Herr Schulze,
mit der Annahme der Ehrenbürgerschaft ehren Sie auch die Stadt, in der Sie vor über 2 Jahr-zehnten ein Amt übernommen, wo Sie – aus der Wismutstadt Aue stammend – inzwischen tiefe Wurzeln schlagen konnten. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie nach dem 1. Juni ein-zelne Worte der Missgunst und verletzende Zeilen der örtlichen Presse vernünftig wichten konnten.
Liebe Frau Schulze,
die lange Rede über Ihren Mann soll Sie nicht übergehen, die Sie ihm in all den Jahren zur Seite gingen. Nicht nur standen! Denn Sie kommen auch in den Protokollen ab 1982 vor; und alle aufgezählten und noch aufzählbaren Dinge und Vorgänge, Ihren Mann und sein Wirken betreffend, wären in dieser oder jener Form nicht möglich gewesen ohne Sie. Als Pfarrfrau waren Sie ja auch in besonderer Weise eingebunden in die Amtswürde und die Arbeit des Mannes. Das ist Lebensform in der Nachfolge Luthers. Deshalb möchte ich schon, dass Sie die Lobesworte über das Wirken Ihres Mannes auch auf sich beziehen, deshalb sollten auch Sie sich heute besonders geehrt fühlen vor den Augen und Ohren der Stadt.
Übrigens: Es gab in Wurzen bisher keine Ehrenbürgerin, obwohl es durchaus dazu Gelegenheit gegeben hätte. Auch wir ehren heute wieder einen Mann als Ehrenbürger.
Die bislang praktizierten Lebensabläufe und die uns bestimmenden Grundsätze für die Bewertung von Verdiensten für das Gemeinwohl führen dazu.
Das ist kein böser Wille, und das wird nicht so bleiben.
Diese Stunde aber ist angemessen, dass Sie, Frau Schulze, an die Seite Ihres Mannes treten können, der unsere Ehrung empfängt, und damit auch ins Licht des öffentlichen Interesses.
Der Teilnahme soll die Teilhabe folgen!
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.