eine außerordentliche Schriftstellerin und Musikhistorikerin lebte im Herrenhaus Schmölen bei Wurzen
Vereinsmitglied Ralf Richter hat die Erinnerung an die Schriftstellerin und Musikhistorikerin La Mara (Ida Marie) als Projekt unseres Vereins zum Gegenstand gemacht.
Im Jahr 2027, anläßlich ihres 100. Todestages, wollen wir dazu eine öffentliche Veranstaltung organisieren.
Nachfolgender Text ist von Ralf Richter zusammengestellt und ergänzt worden.
La Mara - Ida Marie Lipsius
* 30. Dezember 1837 in Leipzig † 2. März 1927 in Schmölen (Gemeinde Bennewitz)
Schriftstellerin und Musikhistorikerin, ab 1921 in Schmölen
Archive zu Personendaten:
Evangelisch-lutherische Kirchgemeinde St. Thomas Leipzig
Stadtarchiv Leipzig (Standesamt / Meldeamt)
Archiv der Gemeinde Bennewitz
Vater: Carl Heinrich Adelbert Lipsius (1805-1861)
Theologe und Rektor der Thomasschule Leipzig)
Mutter: Juliane Molly Rost (1805-1842), Stiefmutter ab 1852: Lina Wohlfarth
Biografischer Abriss
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1837 |
Geburt am 30.12. in Leipzig als viertes Kind/einzige Tochter |
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allseitige Schulbildung mit Unterricht in Klavierspiel und Gesang |
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Familien- und Freundeskreis der Eltern fördern die unbewußte Aufnahme von vielfältigen Kenntnissen im Bereich der Kunst. |
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Der Freund der Familie, der Komponist und Musikschriftsteller Richard Pohl (1826-1896) macht Marie mit den Werken Wagners, Liszts und Berliosz bekannt. |
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1852 |
Erster Besuch im Herrenhaus Schmölen (Datum ungesichert) |
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1855/1856 |
Innerhalb des Künstlerkreises Weimar Bekanntschaft mit Franz Liszt - sie arbeitet ab dieser Zeit für Liszt als Verwalterin seines geistigen Schatzes. |
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1867 |
Erste biographische Skizze über Franz Liszt unter dem Pseudonym La Mara |
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1868 |
Der erste Band der Musikalischen Studienköpfe erscheint bei Breitkopf & Härtel. Weitere vier Bände erscheinen bis 1882. In den Folgejahren erscheinen zahlreiche Abhandlungen, Briefe und Aufsätze zu bekannten Musikerinnen und Musikern, Persönlichkeiten der Musikwelt und zur Musik selbst |
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1892 |
erscheint im Druck „Classisches und Romantisches aus der Tonwelt“ |
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1893 bis 1905 |
Veröffentlicht sie Liszts Briefe in acht Bänden |
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1911 bis 1920 |
schreibt La Mara „Liszt und die Frauen“, Beethoven und die Brunsviks“ und ihre Autobiographie in zwei Bänden „Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals“ |
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1917 |
Verleihung des Professorentitels anläßlich ihres 80. Geburtstages |
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1921 |
Besuch des Rittergutes Schmölen mit nachmaliger Übersiedlung von Leipzig nach Schmölen. |
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1922 |
Auflösung des Leipziger Haushaltes |
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eigene musikalische Veranstaltungen und Besuch von Konzerten in Wurzen |
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1925 |
Besuch der Aufführung „Die heilige Elisabeth“ von Franz Liszt im „Schweizergarten“ Wurzen. |
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1927 |
Tod am 2.3. und Beisetzung auf dem Friedhof Schmölen. Das Grab selbst ist wegen der Hochwasserschäden am Dokumentenbestand in der Gemeindeverwaltung Bennewitz nicht mehr auffindbar. Der Grabstein ist erhalten geblieben und liegt im Garten des Herrenhauses Schmölen |
Werkeverzeichnis (die angegebenen Signaturen -Sign.- beziehen sich auf das KHM Wurzen)
Als Autorin:
- Musikalische Studienköpfe, Breitkopf & Härtel, Leipzig (1868-1886) (Sign. 6/57a-b)
Band 1 Romantiker
Band 2 Ausländische Meister
Band 3 Musikalische Studienköpfe aus der Jüngsvergangenheit und Gegenwart
Band 4 Classiker
Band 5 Die Frauen im Tonleben der Gegenwart.
- Gedanken berühmter Musiker über ihre Kunst, Schmidt & Günther, Leipzig 1873.
- Das Bühnenfestspiel in Bayreuth, Schmidt & Günther, Leipzig 1877.
- Classisches und Romantisches aus der Tonwelt, Leipzig 1892 (Sign. 6/194).
- Aus der Glanzzeit der Weimarer Altenburg, Verlag (?) 1906 (Sign. 6/134).
- Beethovens unsterbliche Geliebte. Das Geheimnis der Gräfin Brunswik und ihre
Memoiren, Leipzig 1909 (Sign. 6/312).
- Liszt und die Frauen, Breitkopf u & Härtel, Leipzig 1911 (1919, Sign. 6/313).
- Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals (Autobiographie), Breitkopf & Härtel
Leipzig 1917 (Sign.6/17).
- Beethoven und die Brunsviks. Nach Familienpapieren aus Therese Brundviks Nachlass,
Siegel, Leipzig 1920.
- Carl Maria von Weber 1920 (Sign. 6/311).
- Ludwig van Beethoven 1923 (Sign. 6/16 und Sign 6/309).
- Hector Berlioz 1923 (Sign. 6/310).
- An der Schwelle des Jenseits. Letze Erinnerungen an die Fürstin Carolyne Sayn-
Wittgenstein, die Freundin (Frau) Liszts. Breitkopf & Härtel Leipzig 1925.
- Musikalische Gedanken-Polyphonie (?).
- Im Hochgebirge. Skizzen aus Oberbayern und Tirol, Leipzig 1876,
Als Herausgeberin:
- Franz Liszt: Franz Liszt`s Briefe in acht Bänden, Leipzig 1883-1905 (Sign. 6/75).
- Briefwechsel zwischen Franz Liszt und Hans von Bülow, Leipzig 1898.
- Correspondance entre Franz Liszt et Hans von Bülow, Leipzig 1899 (auf französisch).
- Correspondance entre Franz Liszt et Charles Alexandre (Grand-Duc de Saxe), Leipzig
1909 (auf französisch).
- Franz Liszt’s Briefe an seine Mutter (deutsch aus dem französischen), Leipzig 1918.
- Briefe an August Röckel von Richard Wagner, Leipzig 1894.
- Musikerbriefe aus fünf Jahrhunderten, 2 Bände. Leipzig 1896.
- Aus der Glanzzeit der Weimarer Altenburg. Bilder und Briefe aus dem Leben der Fürstin
Carolyne Sayn-Wittgenstein, Leipzig 1906.
- Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt, zwei Bände, Leipzig 1896.
Sonstiges:
- La-Mara-Kiste aus dem Nachlass von Marie Lipsius / 240 Rezensionen ihrer Publikationen
ursprünglich Herrenhaus Schmölen jetzt Kulturhistorisches Museum Wurzen
Das Besondere, was wir in der Person von La Mara finden, ist, dass sie ihr Wissen und ihre Erlebnisse aus dem 19. Jahrhundert mit ins 20. Jahrhundert genommen hat. La Mara konnte so, wie niemand anderes, von ihren persönlichen Begegnungen mit den musikalischen Größen der deutschen Romantik, wie Johannes Brahms (1833-1897), Ignaz Moscheles (1794-1870), Ferdinand David (1810-1873), Robert Franz (1815-1868), Carl Tausig (1841-1871), Anton Rubinstein (1829-1894) und Richard Wagner (1813-1883) viele interessante Details aus dem Leben der Komponisten noch aus erster Hand für die Nachwelt bewahren.
La Mara dürfte auch einer der ersten Schriftstellerinnen gewesen sein, vielleicht war sie sogar die erste Musikschriftstellerin, die sich dem Thema Frauen in der Musik der Romantik annahm. Nicht nur die Frau Robert Schumanns, Clara geb. Wieck (1819-1896), spielte damals im Musikleben als Interpretin und Komponistin eine wichtige Rolle.
Im 5. Band der Musikalischen Studienköpfe widmet sich La Mara nur den Frauen. Zwar kennt man die dort beschriebenen Musikerinnen heute kaum noch, aber offenbar war es La Mara wichtig, ihnen jeweils einige Seiten im genannten Buch zu widmen.
Einen großen Raum in ihrer Arbeit war auch das, was man heute unter Musikgeschichtsforschung verstehen würde. Die intensive Suche nach Beethovens unsterblicher Geliebten mit dem Finden in der Person von Gräfin Brunswik zählt zu La Maras Verdiensten wie auch ihr Interesse für das Leben von Franz Liszt (1811-1886) und dessen privatem und künstlerischen Umfeld. Dazu gehört die Herausgabe seiner Briefe sowie die Kontakte zu Liszt’s Frau, Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein, mit „Aus der Glanzzeit der Weimarer Altenburg. Bilder und Briefe aus dem Leben der Fürstin…“ (1906) und „An der Schwelle des Jenseits. Letzte Erinnerungen an die Fürstin…“ (1925) und natürlich auch ihre persönliche Begegnung mit Franz Liszt im Jahre 1855 sowie ihre nachfolgende Tätigkeit für den Komponisten. La Mara erhielt gerade von Franz Liszt authentische Informationen aus dessen Leben und seiner Umgebung. Und durch ihn eröffnete sich damit auch die Möglichkeit weiterer Bekanntschaften mit herausragenden Komponistinnen und Komponisten sowie Musikerinnen und Musikern im Deutschland des 19. Jahrhunderts.
Mit ihrem Wirken sorgte La Mara dafür, dass begonnen wurde, Musikerbiographien als einen Teil der Musikforschung zu betrachten und somit ein ganz neuer Zweig der Musikwissenschaft geschaffen wurde.
„Lipsius‘ Arbeit als Biographin, Editorin, Kritikerin und Schriftstellerin“ (Lisbeth Suhrcke) öffnet „einen Blick in die Institutionalisierungsgeschichte der Musikwissenschaft“ (Lisbeth Suhrcke).
Marie Lipsius schrieb aber auch in „Allgemeinen Zeitungen, Familien- und Unterhaltungszeitschriften und Musikzeitschriften“ (L.Suhrcke) Artikel zu „biographischen Studien“ von Musikern und Komponisten.
Schon die Sommermonate ihrer Jugendzeit verbrachte Marie Lipsius in Schmölen. Das „Paradies meiner Jugend“, so bezeichnete sie das Schmölener Herrenhaus mit seinem Park. Familie Schultz als Besitzer des Anwesens gewährte La Mara ein Wohnrecht bis ans Lebensende. Aus Leipzig hatte sie ihren Flügel mitgebracht und fortan gab es im Herrenhaus „lyrische und musikalische Vorträge“ (Lisbeth Suhrcke).
Leider wurden die Herrenhausbesitzer 1945 durch die sowjetischen Besatzer aus ihrem Besitz vertrieben und dabei ging fast das gesamte Inventar verloren, so auch Teile des Nachlasses von Maria Lipsius.
Quellenangaben
- Wikipedia: Marie Lipsius
- Richard Klinkhardt: Maria Lipsius – La Mara zum 150. Geburtstag 1987 (Rundblick 1/1987, S. 92)
- Anna Morsch: „La Mara (Maria Lipsius) aus “Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biografische
Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893, Seite 21ff.
- Marie Lipsius: Durch Musik und Leben im Dienste des Ideals. 2 Bände. Leipzig 1917
(Autobiografie)
- Deutsche Biographische Enyklopädie
- James Deaville: Art. „Lipsius Marie, Peudonym La Mara“ aus „Musik in Geschichte und
Gegenwart“ von Ludwig Fischer, Bd. 11, Kassel u.a. 2004, Sp. 194-196
- Cordelia Miller: Musikdiskurs als Geschlechterdiskurs im deutschen Musikschrifttum des
19.Jahrhunderts, Schriftenreihe des Sophie Drinker Institus 16, herausgegeben von Freia
Hoffmann, Kapitel 5 Seite 261-377
- Stadtlexikon Leipzig von A bis Z, Pro Leipzig, 2005
Leipziger Persönlichkeiten/Horst Riedel/Mirko Seidel
- Lisbeth Suhrcke: Maria Lipsius alia La Mara (1837-1927). Biographisches Schreiben als Teil der
Musikforschung und Musikvermittlung, Böhlauverlag 2020, (Sign. 5/1046)
- Der Rundblick 1969, Erinnerungen an Maria Lipsius (La Mara) von Erna Ruschke
Seite 450-452, (Sign. 5/514).
- Der Rundblick Gebundene Ausgabe 1985, (Sign. 5/556k)
- Eberhard Otte: 1927 Tod von Ida Marie Lipsius, genannt La Mara (Gemeinde Bennewitz, 2023)
- Lexikon deutscher Frauen der Feder (1898)
- Gerlinde Kämmerer, Marie Lipsius, 2013
- Eugen Isolani, Eine Liszt-Freundin, Zum 70. Geburtstag der Musikschriftstellerin La Mara
in Der Leipziger, 1907, Heft 52
- Martina Bick, Marie Lipsius aus MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung, HfMT Hamburg
2003ff. und HfM Weimar, 2022ff.
Weitere Quellen (lt. Angabe Lisbeth Suhrcke):
- Stadtgeschichtliches Museum Leipzig (Briefe)
- Goethe- und Schillerarchiv Weimar

Herrenhaus Schmölen

Gedenktafel am Herrenhaus