Laudatio für den Ehrenbürger der Stadt Wurzen Richard Klinkhardt (27.04.2006)
Von Wolfgang Ebert
Lieber Herr Klinkhardt
Sehr geehrte Angehörige der Familie Klinkhardt
Herr Oberbürgermeister
Meine Damen und Herren Stadträte und Gäste
Wir haben uns zur Ehrung eines fast 90-jährigen aus unserer Mitte versammelt.
Mit Richard Klinkhardt wird unsere Ehrung einem Manne zuteil, dessen Name wie kaum ein zweiter von vielen in unserer Stadt bis in die Gegenwart hinein wie ein Markenzeichen wahr-genommen werden kann, zugleich einer Person, der von vielen Bürgern der Stadt Sympathie und auch Bewunderung entgegengebracht wird.
Über Jahrzehnte hinweg konnte man den Namen der Firma Klinkhardt z.B. auf gusseisernen Teilen in den Straßen Wurzens lesen, er stand auch im Zeitalter der Dampfmaschinen auf manchem Hochdruckkessel in Wurzener Betrieben, ja sogar in den Dörfern des Umlandes dürfte mancher eiserne Göpel oder anderes Gerät das Signum der Firma getragen haben.
Heute denken wir natürlich bei der Nennung seines Namens zuerst an seine Arbeit über die Geschichte der Wurzener Industrie, die im letzten Oktober hier vorgestellt wurde, oder an die nahezu 100 Beiträge, die er seit 1983 im „Rundblick“, oder an die 250 Artikel, die er bisher in der LVZ zu verschiedenen ortsgeschichtlichen Themen verfasst hat. Eine beachtliche Leis-tung, die mit dem Namen Klinkhardt hier verbunden ist, die auf einen wachen Geist, auf un-ermüdlichen Fleiß, auf Bewandertheit in vielen Fragen, auf kritische Neugier, auf reges Inter-esse am Gemeinwesen hinweist.
Alles an sich schon recht lobenswerte Eigenschaften, die jeder von uns gern auch für sich reklamieren würde.
Die bisherigen ortsgeschichtlichen Aktivitäten Richard Klinkhardts sind sicherlich der Anlass für seine heutige Ehrung. Wenn ich ihn als eine beispielgebende Einzelpersönlichkeit für unsere Stadt zu würdigen versuche, muss ich aber den Betrachtungskreis größer ziehen. Wen wir ehren, ist Teil eines viel größeren Ganzen.
Er steht für Ortstreue, für Pflichterfüllung, für Unternehmertum, für bürgerliche Lebensart.
Der Name Klinkhardt dringt auch aus ganz anderen Regionen zu uns. Pädagogen und Hi-storiker werden sich an den heute im oberbayrischen Bad Heilbrunn ansässigen erziehungs-wissenschaftlichen Verlag Julius Klinkhardt erinnern, ein Familienunternehmen über sechs Generationen, an dessen „blaue Reihe“ zur Erwachsenenpädagogik vielleicht oder an den vom Verlag seit 2002 vergebenen Julius-Klinkhardt-Preis für Historische Bildungsforschung.
Neben unserem Richard Klinkhardt gab und gibt es noch eine ganze Reihe anderer Klink-hardts, verfolgen wir einzelne Familienäste zurück, entdecken wir am Ende einen Stamm, der im Niederschlesischen, im Nordböhmischen und in der Oberlausitz wurzelte.
Der Hinweis auf diesen familiengeschichtlichen Hintergrund erscheint mir sehr wichtig. Es ist gerade jener Friedrich Julius Klinkhardt gewesen, der 1834 in Leipzig den genannten Verlag gründete, der auch für seinen Sohn Richard, dem Großvater unseres heutigen Laudanden, die Begründung einer Maschinenfabrik, Eisengießerei und Kesselschmiede in Wurzen er-möglichte.
Über drei Generationen hatte dieses Unternehmen, allen Widerwärtigkeiten zum Trotz, seit 1872 Bestand gehabt, und genau genommen existiert es noch heute, wenn auch unter einem etwas anderen Namen, aber immer noch an gleicher Stelle. Und der alte Klinkhardt wohnt noch immer in Sichtweite, nicht ganz freiwillig zwar, aber in einem Ambiente, das noch ahnen lässt den Lebenswillen und die Lebensform seiner Vorfahren, wo er den archiva-lischen Hinterlassenschaften seiner Vorgänger immer neue Mappen, Belege und Arbeiten hinzufügt.
Ich halte es mit Jürgen Manthey, der in seinem jüngsten lesenswerten Essayband „Königs-berg. Die Geschichte einer Weltbürgerrepublik“, eine Intention Immanuel Kants aufnehmend, formuliert: „Das Tier gelangt in jedem Individuum zu seiner Vollendung, der Mensch nur als Gattungswesen durch die Generationen übergreifende Akkumulation von Erfahrung und Wissen.“
Die Klinkhardts mussten sich als Unternehmerfamilie – wie so viele andere auch – immer wieder neuen Rahmenbedingungen und Marktherausforderungen stellen. Das mag über die Generationen hinweg eine charakterliche Ausformung mitbewirkt haben, die man am besten wohl nur mit dem sächsischen Wort „fichelant“ bezeichnen kann. Das französische Urwort bedeutet eigentlich nur „wachsam“, aber das sprichwörtliche sächsische Charakterwort be-deutet gleichzeitig „schnell“ und „fleißig“, „bewandert“, „einfallsreich“, ja auch „pfiffig“.
Wer Richard Klinkhardt gut kennt, weiß, dass er von allem etwas erworben und bewahrt hat. Das Exemplarische an ihm ist eine Lebensform, die mit ihrem ökonomischen und sozialen Aufstieg die Unternehmerfamilien annahmen und die die Ausprägung eines strengen bürger-lichen Wertebewusstseins einschloss. Und dazu gehört eigentlich bis heute im Getriebe der Welt eine wünschenswerte Portion „Fichelanz“. Sie hilft das Überleben sichern, vor allem in einer sich sprunghaft ändernden Welt. Sie hilft, vernünftig zu leben.
Vor 80 Jahren beendete Richard Klinkhardt seine Volksschulzeit. 1. und 2. Bürgerschulen gab es seit der Revolution nicht mehr. Sein Vater legte aber Wert darauf, dass ein möglichst schneller und reibungsloser Übergang zum Gymnasium erfolgen konnte. So durchlief er die Volksschule verkürzt, übersprang die 4. Klasse mit Hilfe von Förderunterricht, und besuchte dann bis 1935 das Wurzener Gymnasium. Ein durchaus bezeichnender Fakt.
Bildungserwerb sollte schnell und möglichst umfassend erfolgen. Und so geschah es auch. Ein Grund wohl für die ein Leben langanhaltende geistige Beweglichkeit und Bewandertheit von Richard Klinkhardt. Er lernte u.a. 9 Jahre Englisch, 6 Jahre Latein, 4 Jahre Griechisch und 3 Jahre Französisch.
Auch heute noch schreckt er vor fremdsprachlichen Texten nicht zurück. Und während sei-ner 5-jährigen Kriegsgefangenschaft kamen ihm nicht nur einmal seine Fremdsprachen-kenntnisse zugute. Ich glaube, er ist noch jetzt stolz auch auf diesen Teil seiner Bildungs-biografie. Auch ein Merkmal, mit dem sich eine besondere Spezies der bürgerlichen Klasse konstituiert hat, eigentlich schon seit Jahrhunderten, für die heute die Bezeichnung „Bil-dungsbürgertum“ üblich geworden ist.
Ich kann den Optimismus unseres Oberbürgermeisters nur bedingt teilen: Ich glaube, gerade diese Spezies Mensch ist in der Gegenwart besonders gefährdet und es ist gerade deshalb unabdinglich, immer wieder auf sie hinzuweisen und sie zu würdigen. Sie darf nicht in Verruf geraten. Aber gerade der Umstand, dass wir sie besonders hervorzuheben bemüht sind, zeigt, dass sie eine bedrohte Art ist.
Denn es geht bei dieser Art Bildung, die uns Richard Klinkhardts Entwicklung zeigt, nicht nur um den Erwerb von Wissen und Können schlechthin, sondern auch und besonders um die Effektivität der Aneignung, um die Verinnerlichung in der Persönlichkeit, die diese fähig macht, Aufgaben zu bewältigen, die in ganz unterschiedlicher Form in einem langen Leben gestellt werden: als Firmenchef, als Kommunerepräsentant, als Geschichtsschreiber, aber auch als Familienvater und als Großvater.
Jahrzehnte nach Schulzeit, Studium, Gefangenschaft, im Anschluss an sein Berufsleben widmet er sich einer Tätigkeit, die eigentlich so gar nicht vorgesehen war, für die er gar nicht bestimmt war. Er entdeckt selbst die Lebenskraft von Traditionen, er erforscht nicht nur die Familien- und Firmengeschichte, sondern er widmet sich ganz einem Thema, für das er auch neue geistige Qualitäten entwickelt:
Er stellt die Industriegeschichte seiner Heimatstadt dar, eine Entwicklung, zu der er selbst gehört, die ein faszinierendes Ereignis war. Und er entwickelt aus sich heraus auch ein In-strumentarium und einen Schreibstil dazu. Manches ist an diesem Instrumentarium ganz modern und aktuell. Wenn er nicht nur die Entwicklung der einzelnen Betriebe in der Stadt aufzeigt, sondern auch die Verhältnisse der Unternehmerfamilien, z.B. die sogenannten „Hei-ratskreise“ oder Kapitalbildungsvorgänge beschreibt, meint man zuweilen, eine professio-nelle soziologische Studie vor sich zu haben.
Damit setzt Richard Klinkhardt nicht nur seinem Stand, sondern wichtigen Zügen des bür-gerlichen Lebens in unserer Stadt ein Denkmal. Dass so etwas überhaupt möglich wurde, ist schon zu einem großen Teil dieser von mir bereits genannten intensiven Verinnerlichung von humanistischer Bildung zu verdanken.
Richard Klinkhardt folgte der Tradition seiner Familie: Er wandte sich der Technik zu, er stu-dierte an der Technischen Hochschule Dresden, er beendete sein Studium und musste in den Krieg ziehen. Erst 1948 konnte der Diplomingenieur das Arbeitsleben beginnen, für das er sich gerüstet hatte. Er kehrte auch nach Wurzen zurück, und er blieb auch in Wurzen, trotz aller Widerwärtigkeiten, die er in der Nachkriegszeit und als ein kapitalistischer Unter-nehmer im Osten Deutschlands zu erwarten hatte. Er setzte sich mit den Problemen ausein-ander, die jetzt auf ihn zukamen, sei es als Nachfolger seines Vaters in der Firma, als Be-triebsleiter, auch als liberaler Stadtverordneter. Er ließ sich nicht ausgrenzen. Er blieb vor Ort. Und rührig. Und souverän.
Wir werden eigentlich wieder an die schon beschriebene „Fichelanz“ erinnert.
Lieber Herr Klinkhardt,
wenn wir Sie als einen würdigen Vertreter des alten Bildungsbürgertums ehren, soll ein wei-teres Merkmal dieses Standes nicht unerwähnt bleiben.
Der Stadt Bestes zu wollen, hat viele Wurzener Unternehmer ausgezeichnet. Auch Ihre Vor-fahren haben sich mit Initiativen zum öffentlich Wohl hervorgetan, ich denke dabei nur an die frühere Töchterschule, aber auch an den Aussichtsturm auf dem Wachtelberg. Ihr Verdienst stellt sich würdig daneben: Sie haben in unermüdlicher fleißiger und disziplinierter Kleinarbeit wesentlich zur Stärkung des kollektiven Gedächtnisses in unserer Stadt beigetragen. Sie ha-ben eine ganz wesentliche Entwicklungsetappe in der Geschichte Wurzens dokumentiert, die das Gesicht unserer Stadt, das Leben in ihr grundsätzlich verändert hat: Das industrielle Zeitalter. Eine Leistung, die man in der Gegenwart noch gar nicht hoch genug bewerten kann, weil sie ihre eigentliche Wirkung erst in der Zukunft entfalten kann, wenn unsere Welt eine Veränderung erfahren hat, die wir heute nur erahnen können, wenn die, deren Erinne-rung sich aus dem Erlebten speist, nicht mehr berichten können.
Und wir bemerken es täglich: Wieder beginnt eine Etappe, die Wurzen grundsätzlich verän-dern wird. Worauf man bei der Berichterstattung jetzt Wert legen sollte, dafür haben Sie ein Beispiel geliefert. Dafür sei Ihnen Dank gesagt. Dafür sind Sie auch schon im Vorjahr Ehren-mitglied des Wurzener Geschichts- und Altstadt-Vereins geworden, den Sie 1991 mitbegrün-deten. Auch darin folgten Sie dem Vorbild Ihrer Vorfahren: 1909 gehörte Ihr Vater bereits zu den Mitbegründern des hiesigen Geschichts- und Altertums-Vereins. So schließen sich im-mer wieder die Lebenszirkel. Auch heute Abend.
Ich bedanke mich bei allen, die Ihre Ernennung zum Ehrenbürger unterstützten.
Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu dieser verdienten Ehrung.
Bleiben Sie gesund und noch lange unter uns.
Vielen Dank!
Wolfgang Ebert: Ehrung Richard Klinkhardt 27.04.2006 im Plenarsaal der Stadtverwaltung Wurzen