100 Jahre Plenarsaal Wurzen
Foto Schlegelmilch

100 Jahre Plenarsaal Wurzen

100 Jahre Standesamt und historischer Plenarsaal im Stadthaus Wurzen

Nach dem 1. Weltkrieg wurde die ehem. Infanteriekaserne zum Sitz der Stadtverwaltung mit neuem Plenarsaal, der von künstlerisch wertvollen Elementen des Jugendstils und einem beeindruckendem Panoramarelief in Blattgoldausführung geprägt ist (Baubeginn 1926 und Einweihung 1929).

Bereits bei der Einweihung des neuerbauten Plenarsaales fand der damalige Oberbürgermeister Georg Boock beeindruckende Worte. Hier ein Auszug aus seiner damaligen Rede:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist ein wenig länger als 10 Jahre her, dass diese Räume ganz anderen Zwecken dienten als dies in Zukunft nunmehr geschehen soll und jemand, der heute nach mehr als 10 Jahren in diese Hallen tritt, wird äußerst erstaunt sein. Wir haben, aus den Räumen, die von 1890 bis 1918 - 1919 der Ausbildung von Soldaten dienten, Verwaltungs- und Beratungsräume geschaffen. Es war ein Glück für die Stadt Wurzen, dass sie nach der Revolution diese ihr gehörigen Gebäude in Benutzung nehmen konnte, nach dem das Rathaus schon lange vor dem Kriege den modernen Anforderungen in seiner Weise nicht genügte. Wer sich heute von den älteren Beamten erzählen lässt, wie primitiv die Verhältnisse in den letzten Jahren dort waren und wer damit die großen und hellen Räume unseres Stadthauses vergleicht, der kann die eingetretene Verbesserung erst richtig begreifen. Die

Verwaltungsräume unseres Stadthauses sind zur Zeit so ausreichend, dass auch eine Stadt, die ein paar Mal so groß ist wie das heutige Wurzen in diesen Räumen verwaltet werden könnte…

Herr Prof. Dr. Mannewitz wurde … durch Beschluss der städtischen Körperschaften beauftragt, die Räume für die Stadthauptkasse, für einen Stadtverordnetensaal, ein Ratssitzungszimmer und 2 Ausschusssitzungszimmer zu projektieren…

An städtischen Beamten, Angestellten usw. sind z. Zt. vorhanden:

                                 3 besoldete Ratsmitglieder

                                 73 Beamte, darunter 20 Polizeibeamte

                                 17 Beamtenanwärter

                                 37 Angestellte.

Die Angestellten sind natürlich nicht sämtlich in der eigentlichen Verwaltung tätigt, wie z. B. die Krankenschwestern usw. Die Zahlen geben Ihnen aber jedenfalls einen Überblick über die Ausdehnung der Verwaltungstätigkeit …

Der Bau der neuen Räume ist also durchaus notwendig gewesen, denn nicht nur die Verwaltung selbst ist gewachsen, sondern naturgemäß hat auch die Zahl der Beratungspunkte ganz erheblich zugenommen… Es muss den Personen, die an den Stammtischen oder sonst wo über die neuen Räume kritisieren, gesagt werden: Setzen Sie sich mehrere Male in der Woche stundenlang in unzulänglichen Räumen und Stühlen auf`s Rathaus und nehmen Sie dazu noch die Unbequemlichkeiten und den Ärger, den ein öffentliches Amt immer mit sich bringt, in Kauf! So mancher wird sich hüten und freut sich daheim, dass andere für ihn arbeiten.

Die Räumlichkeiten sind, wie sie noch sehen werden, reichlich mit Bildern geschmückt worden. Im Ratssitzungszimmer finden Sie die Bilder der Bürgermeister vom Jahre 1832 ab. Leider werden Sie das Bild eines Bürgermeisters vermissen, der nicht der schlechteste darunter war, nämlich das Bild des Bürgermeister Schmidt, der von 1845 – 1849 im Amte war…  Im übrigen sind die Bilder von Herrn Stadtrat Eisentraut, der auch heute unter uns weilt, für das jeweilige Ratssitzungszimmer gestiftet worden. Ihm sei auch an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt.

Das Bild des Freiherrn von Stein ist von Herrn Geheimrat Ilgen, Dresden gestiftet worden. Herr Geheimrat Ilgen hat fernen den Auftrag erteilt, dass vier große Bilder, die Wurzener Landschaften oder Stadtbilder darstellen für diesen Raum bzw. für die Vorhalle gemalt werden. Ferner hat Herr Geheimrat Ilgen in liebenswürdiger Weise die drei Wurzener Ehrenbürger Bäßler, Juel und Koenneritz ummalen lassen. Herr Geheimrat Ilgen, ich habe den Auftrag, Ihnen namens der städtischen Körperschaften den allerherzlichsten Dank der Stadt Wurzen zum Ausdruck zu bringen und darf Ihnen gleichzeitig die Mitteilung machen, dass die städtischen Körperschaften beschlossen haben, Ihnen das Ehrenbürgerrecht zu verleihen. Wir freuen uns, in Ihrer Person einen so großzügigen Gönner zu besitzen…

Meine Damen und Herren! Groß sind die Aufgaben, die in diesen Räumen der Erledigung harren. Der Bau einer Berufsschule wird dabei an erster Stelle stehen. Im Laufe der Jahre wird ferner der Ausbau der städtischen Wohlfahrtseinrichtungen notwendig sein. Der Bau eines Altersheimes wird immer mehr eine dringende Forderung, auch für die Jugend wird mehr als bisher getan werden müssen. Ich denke dabei an den Bau eines Hauses für die Jugend enthaltend Säuglingsfürsorgestellen, Kindergarten, Jugendheim für alle Jugendgruppen, ohne Rücksicht auf Bekenntnis und politische Einstellung. Daneben wird der Bau eines sogen. Gesundheitshauses zwecks Zusammenfassung aller sozialhygienischer Einrichtungen ins Auge zu fassen sein. Dass auch ein neues Feuerwehrdepot notwendig ist, habe ich bereits an anderer Stelle einmal betont. Daneben wird es die Aufgabe der städtischen Kollegen sein, den Wohnungsbau und den Straßenbau nicht zu vernachlässigen. Man wird jedoch alle diese Maßnahmen nur nach Maßgabe der Leistungsfähigkeit der Stadt durchführen können, denn bei allen Beschlussfassungen wird und muss eine geordnete Finanzwirtschaft oberste Richtschnur bleiben. Wir wollen nur hoffen und wünschen, dass es den deutschen Unterhändlern in Paris gelingen möge, die deutschen Reparationsleistungen auf ein erträgliches Maß herunterzuschrauben, denn letzten Endes haben auch die Gemeinden an einer Entlastung des Reiches das allergrößte Interesse.

Es wird nicht ausbleiben, dass scharfe Gegensätze oftmals in diesen Räumen zum Ausdruck kommen werden. Das lässt sich nicht vermeiden und das schadet auch oftmals nichts. Aber hoffentlich werden die aufkommenden Meinungsverschiedenheiten stets in sachlicher und nicht in persönlich verletzender Weise ausgetragen. Dass dies immer so sein möge und dass die hier gefassten Beschlüsse immer zum Wohle der Stadt Wurzen und ihrer Einwohner gereichen mögen, das ist mein Wunsch an dem heutigen Tage.

Mögen sich immer Männer und Frauen finden, die bereit sind, gern und freudig in diesen Räumen zum Wohle der Stadt Wurzen und damit zum Wohle der Gesamtheit zu arbeiten.“ (aus: Wurzener Neueste Nachrichten Freitag, 12. April 1929)