Wurzen im deutschlandweiten Interesse
Cordia Schlegelmilch präsentierte ihr letztes Buch über Wurzen
Zur Buchmesse im März dieses Jahres in Leipzig präsentierte Dr. Cordia Schlegelmilch ihr letztes Buch, herausgegeben vom renommierten Mitteldeutschen Verlag Halle, über Lebensgeschichten von mehr als hundert Wurzener Bürgern im Zeitraum der Frühzeit der DDR bis 1988. Die Erinnerungen verdichten sich zu einem spannenden Erzählpanorama, das verschieden Perspektiven und Lebensbilanzen miteinander verknüpft.
Cordia Schlegelmilch hat eine große Zahl guter Freunde und Bekannter in ihrer Wurzener Zeit gefunden, das macht das Buch authentisch und zugleich einzigartig.
Im März hatte Dr. Cordia Schlegelmilch ihr Buch im Dom zu Wurzen vor großem Publikum vorgestellt.
Zuvor hatte der Mitteldeutsche Verlag die Autorin im Rahmen der Buchmesse in das Alte Rathaus, „Grüner Salon“ zu Leipzig eingeladen, um aus ihrem Buch zu lesen und dazu zu debattieren.
Im Rahmen des Landeserntedankfestes im Wurzen am 19. und 20. September wird das Buch am Stand von Wurzen-Information zu erwerben sein.
Dr. Jürgen Schmidt
Wurzener Geschichts- und Altstadt-Verein

Fotos Kube
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Köln Z Soziol https://doi.org/10.1007/s11577-026-01092-7 LI TER A T U RB E SPR E CHU NGE N |
Die Rezension
Die DDR im Leben einer Kleinstadt
Karl Ulrich Mayer
Angenommen: 22. Juli 2026
© The Author(s) 2026
Schlegelmilch, Cordia: Eine Stadt erzählt die DDR. Wurzen 1945–1988. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2026. 592 Seiten. ISBN 978-3-68948-063-9. Preis: C 40.
Cordia Schlegelmilch legt mit diesem Band die vierte Buchveröffentlichung ihrer Gemeindestudie vor. Zuvor waren erschienen: Eine Stadt erzählt die Wende: Wurzen 1989/ 1990 (2019), Wurzen. Ankunft in einer anderen Zeit: Die 1990er-Jahre (2020), sowie der Fotoband: Endlich seid ihr da! Als die DDR ging und der Westen kam. Eine fotografische Entdeckungsreise (2023).
Dieser Band stützt sich auf biografisch-narrative Interviews mit 173 Personen, die die Verfasserin vor allem in der Zeit vom August 1990 bis zum Dezember 1993 durchgeführt hat. Vom August 1990 bis Dezember 1991 wohnte sie fast ohne Unterbrechung in Wurzen. Mit einigen Personen sprach sie bis 1996 mehrmals. Insgesamt wurden rund 600 h Tonmaterial und rund 3,5 Regalmeter Verschriftlichungen erarbeitet. Darüber hinaus hat Cordia Schlegelmilch eine Vielzahl anderer Quellen genutzt. In diesem Band selbst werden Auszüge aus den Interviews mit 120 Personen dokumentiert.
Warum Wurzen? Die Verfasserin wollte 1990 eine „kleinere, überschaubare“ Stadt suchen, „die nicht zu nah an den westdeutschen Grenzen lag“ (S. 19), zwischen 18 und 25 Tsd. Einwohner hatte und eine Kreisstadt war. Ferner sollte die Wirtschaftsstruktur nicht zu einseitig sein. Wurzen liegt im Elbe-Mulde-Tiefland, 27 km von Leipzig entfernt und hatte eine Erwerbstruktur mit 53 % Arbeitsplätzen in der Industrie, 32 % in den Dienstleistungen und 14 % in der Landwirtschaft. Wurzen hat alte historische Wurzeln, erhielt 1114 vom Meißner Bischof ein Domstift St. Marien und später das Magdeburger Stadtrecht. Wurzen hatte eine traditionsreiche mittelständische Industrie, die auch in der DDR „nie völlig ihre Bedeutung verlor“ (S. 46).
Ziel dieser Studie ist eine Rekonstruktion der Geschichte der DDR auf der Grundlage der Gespräche mit Personen zwischen 18 und 90 Jahren, „die ... geblieben sind“ (S. 33). In der Altersverteilung dominieren die 30- bis 60-Jährigen.
Es ist sicher eine der besonderen Stärken dieser Arbeit, dass sie die Gesellschaftsanalyse mit der Nahaufnahme verknüpft und bis in persönliche Netzwerke hinein sichtbar macht. Geschichte wird entfaltet über Lebensgeschichten. Diese beziehen sich nicht nur auf die Jahre der DDR, sondern – als wichtiges zusätzliches Erklärungsmoment – über die Erzählungen über Eltern und Großeltern bis in die Zeit des Nationalsozialismus, der Weimarer Republik und die Kaiserzeit zurück. Zentral sind hier nicht nur die Lebensgeschichten der Eingesessenen, sondern vor allem auch der Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, die nach 1945 in Wurzen gestrandet sind.
Neben einem einleitenden Kapitel zur Studie und zur Geschichte der Stadt und einem abschließenden, eher zusammenfassenden und interpretierenden Kapitel zu den verschiedenen Generationen ist der Band in 2 große Teile gegliedert: 1) Wurzen 1945 bis 1971/72 – die Ära Walter Ulbricht – und 2) Wurzen 1971/72 bis 1988 – die Ära Erich Honecker. Die inhaltlichen Kapitel geben schon in den Überschriften den interpretativen Tenor der jeweils ausgewählten (Teile von) Lebensgeschichten wieder.
Für die Ulbricht-Ära:
● Landwirtschaft – Junkerland in Bauernhand
● Neue Führungskräfte – Arbeiter an die Macht
● Zwischen Demontage und Industriereform
● Handel und Gastronomie – die volkseigene Versorgung
● Bildung und Sport – die Jugend gewinnen
● Kultur- und Freizeitpolitik auf breiter Basis – unsere Heimat DDR
● Aufbau einer sozialen Grundsicherung – ein langer Weg
● Kirche – Kampf um Köpfe und Herzen Und für die Honecker-Ära:
● Landwirtschaft – Zentralisierung, Spezialisierung, Industrialisierung
● Kommunale Funktionäre – Macht und Ohnmacht
● Industrie – Kombinate gab es woanders
● Das Handwerk – gebraucht, aber kaum gewollt
● Handel und Gastronomie – die Verteilung des Mangels
● Bildung und Sport – der lange Arm der Politik
● Kultur und Freizeit – die Kunst, sich zu behaupten
● Sozialpolitik – ein teures Aushängeschild
● Die Kirche – Aufbruch in die Freiheit
Die Darstellungsweise folgt in den einzelnen Kapiteln immer dem gleichen Muster. Nach einer knappen zeithistorischen Verortung des jeweiligen Feldes werden Personen aus den jeweiligen gesellschaftlichen Sphären mit knappen, aber sehr aussagekräftigen biografischen Angaben eingeführt (u. a. Herkunft der Eltern, Geburtsort, Schul- und Berufsausbildung, berufliche Positionen, SED-Mitgliedschaft) und dann werden mithilfe von Auszügen aus den Interviews die historischen Erfahrungen außerordentlich plastisch und eindrucksvoll entfaltet. Obgleich die Verfasserin auf eigene Interpretationen fast vollständig verzichtet, ist diese Methodik sehr effektiv, weil mit den Repräsentanten der verschiedenen Gruppen deren oft gegensätzlichen Erfahrungen offengelegt werden, so z. B. enteignete Großbauern und die Enteignungsagenten, (frühere) Selbstständige und neue Planwirtschaftler, in LPG gedrängte Kleinbauern und Aufstieg von der Landarbeiterin zur LPG-Leiterin und Kandidatin des ZK, 1990 immer noch von ihrer Tätigkeit überzeugte Stasi-Mitarbeiter, erzwungene StasiInformantentätigkeit und Stasi-Opfer, Bildungsaufsteiger und Bildungsdiskriminierte.
In vieler Hinsicht bestätigt das Buch bekannte Vorstellungen über die DDR-Gesellschaft und deren Entwicklung, so z. B. die außerordentlichen Aufstiegschancen für Arbeiter- und Bauernkinder in der Frühphase der DDR, die Versorgungslücken mit Konsumgütern, die „Privilegien“ durch Westpakete und Zugang zu Delikat- und Intershops, die engmaschige politische Kontrolle bei gleichzeitiger Ausbildung von sozialen und privaten Nischen, die Bedeutung der Betriebe für Versorgung, Kultur und Bildungschancen, Anpassung und Distanz der Kirchen, die legitimatorischen und ökonomisch fatalen Folgen der Honecker’schen Sozialpolitik sowie der zunehmende Legitimationsverlust und der Druck durch realisierte oder geplante Ausreisen. Dennoch setzt die Arbeit von Cordia Schlegelmilch ihre eigenen Akzente. Die Herausarbeitung der lokalen, kommunalen und regionalen Ebene einerseits und der individuellen Erfolgs- und Leidensgeschichten anderseits führt nicht nur zu einer sehr hohen Anschaulichkeit und „Erklärungskraft“, sondern fügt den gängigen DDR-
Bildern auch Neues hinzu. Besonders beeindruckt haben mich z. B.:
● zu welchem Ausmaß die politischen Orientierungen und damit Identifikation oder Distanz zum DDR-Regime durch die KPD- bzw. SPD-Affiliationen der Eltern und Großeltern oder deren bürgerliche Herkunft bestimmt waren,
● in welchem Ausmaß über Delegationen, Fern- und berufsbegleitende Studien Facharbeitern und Facharbeiterinnen ein akademisches Studium ermöglicht wurde und damit zugleich Kaderfunktionen gesichert wurden,
● wie sich Traditionen von Selbstständigkeit innerhalb und außerhalb der volkseigenen Betriebe erhalten haben (PGHs; Kommanditisten),
● wie trotz hoher ökonomischer Gleichheit Statusunterschiede doch nicht nivelliert wurden.
Cordia Schlegelmilch widerspricht nicht zuletzt der „im Westen verbreiteten Ansicht, dass das Leben in der DDR ausschließlich zentralistisch organisiert und weit-gehend einheitlich gewesen sei. Der Fokus auf eine kleine Industriestadt zeigt ..., dass es in der DDR erhebliche regionale Unterschiede gab“ (S. 546). Insgesamt hat sie mit ihrer Gemeindestudie eine unverzichtbare Quelle zum Verständnis der DDR-Gesellschaft und ihres Wandels erschlossen.
Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Karl Ulrich Mayer Prof. Dr. Dres. h.c. 1945 Karl Ulrich Mayer, Direktor Emeritus Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin. Stanley B. Resor Emeritus Professor of Sociology, Yale University. 2010–2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. 1979–2010 Leiter der German Life History Study (GLHS). 1989–2005 Co-Leiter der Berliner Altersstudie (BASE I). Forschungsgebiete: soziale Ungleichheit, soziale Mobilität, Lebensverläufe, Altern; Veröffentlichungen: Lebensverläufe als Sozialstrukturen. in: P. Böhnke and D. Konietzka (Hg.) Handbuch Sozialstrukturanalyse (2026); Socioeconomic change and intergenerational class mobility: A dynamic analysis of the experiences of West Germans born between 1929 and 1971. Research in Social Stratification and Mobility (2024) (mit R. Becker and H.-P. Blossfeld); Life-course dynamics of social stratification and mobility. In M. Gangl, L. Platt, J. G. Polavieja, H. G. van de Werfhorst (Hg.), The Oxford Handbook of Social Stratification (2026) (mit A. Fasang): Notes on a so-ciology of the pandemic: social inequalities and the life course. Vienna Yearbook of Population Research (2022).
(2022).